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Träume

Herzlich lächelnd steht der Therapeut der Klinik da und streckt die Hand aus. Micha ergreift Sie.

Ich freue mich über die Fortschritte, die sie in dem halben Jahr gemacht haben. Es war sicher keine leichte Zeit für sie – um so mehr freue ich mich, dass sie es geschafft haben. Hier ist eine Liste der ambulanten Psychologen. Wenn sie nach Hause kommen, rufen sie dort bitte an und führen die Therapie zu Hause weiter. Frau Becker wird morgen bei ihnen vorbeikommen, den Termin haben sie ja abgesprochen. Falls es Probleme gibt, können sie mich jederzeit anrufen.“

Auf Wiedersehen – vielen Dank für alles.“

 

Micha verlässt das Gebäude und steht nun vor dem Haus. Morgen früh würde er nicht von der Schwester geweckt werden. Es war schön, ihr erzählen zu können, was man in der Nacht geträumt hatte. Es war schön, dass jemand wissen wollte, wie es ihm geht. Bettina und Frank würden sicher auch bald entlassen. Er würde sie morgen anrufen.

 

 Vor einem halben Jahr hatten sie ihn gefunden. Auf der Bahnhofstoilette, mit einer Spritze im Arm. Wie in einem schlechten Film. 3 Jahre zuvor hatte er die erste Spritze gesetzt. Seine erste Freundin hatte ihn gerade verlassen, um seinen Schulabschluss hatte es mehr als schlecht gestanden. Da kam Julian gerade recht. Schon vor ein paar Wochen hatte er mitbekommen, dass Julian Heroin nahm. Der Abend war da, an dem Micha es auch ausprobieren wollte. Ein Gefühl von Glück breitete sich in ihm aus, von Wärme und Geborgenheit, und er fiel in einen Schlaf, in dem er wunderbar träumte. Es klang platt, wenn er versuchte, jemandem davon zu erzählen, zum Beispiel den Schwestern und dem Therapeuten in der Klinik, aber andere Worte fand er nicht. Bunte Farben hatte es in diesen Träumen gegeben, das faszinierendste Licht, das er jemals gesehen hatte. Irgendwann war es regelmäßg geworden. Nicht mehr mit Julian – er hatte keine Ahnung, was aus Julian geworden war. Vielleicht war er tot oder im Knast – oder er hatte es geschafft und lebt heute in einem Reihenhaus. Meist war er allein unterwegs gewesen. Ab und traf man auf einem öffentlichen Platz Bekannte, und man tauschte kurz das Wichtigste aus, z.B. welcher Dealer gerade den besten oder den dreckigsten Soff zu bieten hatte. Über die Toten wurde nie gesprochen – man musste nicht reden. Ein Blick in die gelben Gesichter genügte, um zu wissen, wer als nächster draufgehen würde.

 

Nachdem ihn die Polizei ins Krankenhaus gebracht hatte, kam er in eine psychiatrische Klinik und ging da auf Entzug. Trotz der Medikamente war die Zeit die Hölle. Während er vor sich hin gedämmert hatte, hatten grässliche Monster ihn im Schlaf immer wieder überfallen. Speichel war ihm aus dem Mundwinkel geflossen. Sein Magen hatte sich angefühlt, als ramme ihm jemand eine zentnerschwere Eisenkugel hinein. Sein Kopf hatte zu zerspringen gedroht. Der Durchfall und das Kotzen, das auch die Medikamente nicht abstellen konnten. Er schämte sich bitterlich vor den Schwestern, die ohne Kommentar sein Bettzeug immer wieder wechselten.

Seine Mutter hatte gehört, dass er in die Klinik gekommen war. Ein Jahr hatte sie ihn da nicht mehr gesehen gehabt. Mit Hilfe des Therapeuten hatten sie Gespräche begonnen, und sie kam ihn regelmäßig besuchen. Der Vater war inzwischen tot – hatte sich die Leber kaputt gesoffen. Außer Geschrei hatte er nie Worte für Micha gehabt, und die einzigen Berührungen hatte er mit dem Gürtel ausgeführt. In der Therapie hatte er gelernt, dass sein Vater an ihm nur kompensiert hatte, was er selbst durchlitten hatte, und die Mutter war zu schwach und abhängig gewesen, sich zu lösen.

Die Sonne scheint, und er atmet tief ein, während er zu der Wohnung läuft, die er mit Hilfe der Sozialarbeiterin ausgesucht hat.

Im Briefkasten Post von der Telefongesellschaft, dass man seinen Anschluss freigeschaltet hat.

Er nimmt das Adressbuch raus und schaut nach den alten Freunden. Max. Ob die Nummer noch stimmt? Einfach mal anrufen.

Nach ein paar mal klingeln meldet sich eine Frauenstimme.

Hallo, hier Micha. Kann ich bitte Max mal sprechen?“

Der ist leider gerade nicht da. Soll ich ihm etwas bestellen?“

Einen schönen Gruß von mir. Ich weiß nicht, ob er sich an mich erinnern kann. Er kann sich melden, wenn er möchte.“

Ok, ich werde es ihm sagen.“

Danke. Einen schönen Tag noch“.

Micha legt den Hörer auf.

Dann mal Mutter anrufen.

Sie meldet sich sofort.

Hallo Junge, wie geht es Dir?“

Gut Mutter, Danke. Was machst Du?“

Ich koche gerade Mittag. Vorhin habe ich einen Kuchen gebacken, Claudia kommt doch nachher zum Stricken vorbei. Willst Du nicht morgen zum Essen vorbeikommen? Ich bin ja so froh, dass Du wieder zu Hause bist. Jetzt wird alles wieder gut, ja?“

Aber sicher Mutter. Ja, gern. Dann bis morgen also. Mach's gut“

Tschüss, Junge“

Was nun? Das Wetter ist so schön, am besten noch ein bisschen spazieren gehen, vielleicht am See.

 Also Sachen auspacken und los.

 Schließlich fand er sich am Bahnhof wieder.

Der zahnlose Pepe, wie ihn alle immer nannten, stand an der gleichen Stelle wie immer.

Nun war die Entscheidung klar. Dieses mal aber würde er aufpassen, dass die Menge auch ausreichte.

Und auf die Toilette würde er auch nicht nochmal gehen.

Am See ist ein kleines Waldstück, dorthin würde er gehen. Vorher aber nochmal zurück in die Wohnung, und einen Zettel hinterlassen: „Macht's gut.. ich bin zurück zu meinen Träumen“

2008

 

 
 

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