Die dunkle Seite

   
 


 

 

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Erfüllung

Dieser Abend gehört nur uns Beiden. Eng umschlungen sitzen wir da. Ich kann Deinen Atem auf meiner Haut fühlen, so nah bist Du mir. Ich genieße Deine Nähe; es ist schön, dass Du mir vertraust. Ich muss Dich betrachten und bemerke Deine Schönheit. Dein langes dunkles Haar fällt Dir auf die Schultern, bedeckt Deinen Rücken und erreicht fast Deinen Po.

Meine Hände gleiten über Deine Haut, die im Kerzenschein wie Porzellan wirkt. Ich sehe Deinen Mund. Das Rot Deiner Lippen wirkt noch intensiver durch die Farbe Deiner Haut. Lächelnd wendest Du mir Dein Gesicht zu, Deine Augen leuchten, die Kerzen spiegeln sich in ihnen.

Dein Duft ist betörend.

Nun beuge ich mich über Dich, um Dich zu küssen, zunächst sanft, dann fordernder. Bereitwillig lässt Du es geschehen und erwiderst meine Küsse.

Wir sind bereit, uns einander hinzugeben.

Du zitterst, während ich Dich langsam entkleide. Durch das offene Fenster weht ein Lufthauch, der Deinen Körper streift.

Behutsam trage ich Dich auf das Bett.

„Darf ich Dir die Augen verbinden?“ frage ich

Du hauchst ein sanftes „ja“

Ich lasse das schwarze Tuch über Deinen Körper streifen, bevor ich es Dir um die Augen binde.

Dein Körper windet sich erwartungsvoll.

Ich brenne darauf, Dir die Erfüllung zu schenken, Deine Sehnsucht zu stillen.

Doch das wird nicht hier geschehen. Dazu müssen wir in eine andere Welt.

Kind, weißt Du nicht, dass dieses Leben sinnlos ist? Was Du suchst, kann ich Dir geben.

Nur ein paar Sekunden Geduld, bis der Stahl in meiner Hand Dich in die wahre Welt führt. Nur ein kurzer Schmerz.

Sie werden es nicht verstehen. Auf sie werden Deine Augen tot wirken. Sie haben uns sowieso nie verstanden.



Vollmond

Nach dem Spätkrimi, um Mitternacht, legt Carl sich in Bett. Hell scheint es ins Schlafzimmer. Wieder einmal Vollmond. Seine Frau scheint sich daran nicht zu stören, sie schläft bereits friedlich.

 

Schließlich stellt sich der Schlaf auch bei Carl ein..

 

Kurz darauf findet er auf der Allee am Stadtrand wieder, die auf direktem Weg zum Friedhof führt.

 

Er weiß nicht, was ihn hierher geführt hat, nur, dass es irgendwie richtig ist.

 

Vor ihm liegt das Tor, der Haupteingang zum Friedhof.

 

Wie aus dem Nichts steht es da – das schönste Wesen, das ihm je begegnet ist. Sie scheint jung, vielleicht 20 Jahre alt zu sein. Ihre Augen blicken freundlich und scheu aus ihrem blassen Gesicht.

 

„Hallo“ spricht sie Carl an.

 

Sie greift wie selbstverständlich seine Hand und zieht ihn mit sich, durch eine Öffnung im Zaun, die er vorher nie bemerkt hatte.

 

Selbstverständlich scheint überhaupt alles. Er fragt sich nicht, was das Mädchen um die Zeit hier tut, und weshalb es sich gerade diesen Ort, den Eingang zu einer Gruft, ausgesucht hat, um ihn an sich zu ziehen und ihn leidenschaftlich und fordernd zu küssen.

 

Ihr Oberteil, ein schlichtes schwarzes Hemd, rutscht dabei und gibt den Blick frei auf eine schmale Schulter und ein viel versprechendes Dekolleté. Tastend beginnt sie, seinen Körper zu erforschen. Beißt spielerisch die Zähne in seinen Hals, gräbt ihre Finger in seinen Rücken.

 

Sie stößt ihn sanft von sich, als er ihr das Oberteil entfernen will.

 

„Warte, nicht hier!“

 

Sie öffnet den Eingang zur Gruft.

 

Ein Geruch von verbrauchter Luft und der süßlich-schwere Duft von Moder und Tod rauben ihm für Sekunden den Atem.

 

„Linda Barks, 1852-1874“ , liest er laut die Aufschrift auf einem der Särge.

 

„Was spielt das jetzt für eine Rolle?“, entgegnet sie, „komm her!“

 

Als er sich zu ihr umwendet, hat sie sich bereits vollständig entkleidet. Sein Blick fällt auf einen bis auf zwei kleine Narben am Hals makellosen Körper. Ihr langes dunkles Haar, das zuvor von einem Band gehalten worden war, bedeckt nun ihren Rücken.

 

Die folgenden Momente vergehen wie im Rausch. Mit sanfter Gewalt hebt er Linda hoch und setzt sie auf ihren Sarg. Nie gekannte Leidenschaft erwacht in ihm. Er bemerkt kaum, wie der Eisenbeschlag des Sargs seine Wade verletzt und ihm einen Schnitt zufügt. Ebenso wenig, dass Linda, die dies sehr wohl registriert, begierlich einen Finger ausstreckt und genüsslich die Tropfen aufsaugt.

 

Nun sieht sie ihn mit großen, ernsten Augen an.

 

„Willst du bleiben? Für immer?“, fragt sie. „Bitte geh nicht. Es ist nur eine einzige Sekunde, und wir wären für immer glücklich.“

 

„Ja“, schreit es in ihm, „ich will bleiben. Für dieses Geschöpf wäre ich bereit zu sterben.“ Dann denkt er an sein Leben, da draußen, das er vor etwa einer Million Jahren gehabt hat.

 

„Es tut mir Leid, Linda, ich kann nicht. Ich muss gehen.“

 

Traurig blickt sie ihn an. „Ich habe Zeit. Du wirst wieder kommen, und vielleicht entscheidest Du Dich eines Tages anders.“

 

Ohne ein weiteres Wort zu sagen verlässt Carl die Gruft und begibt sich zurück auf die Allee. Ein Licht, offenbar ein entgegenkommendes Auto, blendet ihn.

 

Er blinzelt, und nun sind es die Sonnenstrahlen, die ins Schlafzimmer-Fenster einfallen und blenden.

 

Er schüttelt verwundert den Kopf, wankt schlaftrunken aus dem Bett und in die Küche, wo seine Frau bereits lächelnd mit Frühstück auf ihn wartet.

 

„Guten Morgen“, sagt sie. „Hey, wenn der Mitternachtskrimi immer so anregend ist, solltest Du ihn ruhig öfter gucken.“

 

„Hmmm?“

 

„Also – so wie heute Nacht hab ich Dich ja schon ewig nicht erlebt, wenn überhaupt jemals.“

 

Carl steht auf, um auf die Toilette zu gehen. Ungläubig versucht er erneut, die letzten Reste des Traums von letzter Nacht abzuschütteln.

 

„Ach sag mal“, spricht seine Frau ihn an, „was hast Du da eigentlich für eine Schramme an der Wade?“

 

 

 
 

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